Einführung in die Vortragsreihe - Annäherung an einen Universalgelehrten
von Dr. Ludwig Fugmann (vom 25.01.2019)

Das Humboldtjahr 2019 mit dem 250. Geburtstag am 14. September ist eingeläutet. Bereits um die Jahreswende erschienen in den NN, der SZ und anderen großen Zeitungen Artikel über Alexander von Humboldt. Neue Bucherscheinungen sind angekündigt. Weitere Medienberichte werden folgen und viele Veranstaltungen, vor allem in Berlin. Herausragend dabei wohl die geplante Eröffnung des Humboldt-Forums.

Auch wir vom Naturwissenschaftlichen Verein Ansbach haben uns entschlossen, das gesamte Jahr unsere Veranstaltungen Alexander von Humboldt zu widmen.

Es ist zum einen der Versuch, einen Wissenschaftler wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken, von dem der ehemalige Bundespräsident Köhler gesagt hat: "Wie kaum ein anderer Name steht Alexander von Humboldt für Deutschland, für seine Stärken und Fähigkeiten in Forschung und Wissenschaft".
Zum anderen hat Humboldt wegweisende Jahre seines Lebens in Franken verbracht und in dieser Zeit mehrmals auch Ansbach besucht, wenn er Karl August Fürst von Hardenberg, Bericht erstattete. Prof. Dippold wird darüber berichten.

Allerdings sind in diesem Jahr Menschenaufläufe wie an Humboldts 100. Geburtstag 1869 wohl nicht mehr denkbar. Damals war das Jubiläumsjahr ein weltweites Ereignis, mit zahllosen Rednern und Zuhörern: in Melbourne ebenso wie in Buenos Aires oder in Mexiko City. Bei Festakten in Moskau wurde Humboldt als "Shakespeare der Wissenschaften" bezeichnet. In New York hatten sich 25.000 Menschen im Central Park eingefunden, wo eine Humboldt-Büste feierlich enthüllt wurde. Die größte deutsche Feier fand in Berlin statt, wo trotz sintflutartiger Regenfälle 80.000 Menschen zusammenkamen. Alle Büros und Behörden blieben an diesem Tag geschlossen.

Heute kennen selbst viele Deutsche Alexander von Humboldt - anders als in Lateinamerika - wenn überhaupt, dann häufig nur als Entdeckungsreisenden und Naturforscher, der ein paar Jahre durch Südamerika reiste.
Und dieses Image wird auch noch befördert, wie z.B. durch die Spiegelausgabe "Expedition" vom Mai 2018.

Aber auch wenn Humboldts Forschungen und Ideen außerhalb der Universitäten fast vergessen sind und in Zukunft vielleicht weiter verblassen werden, werden wir auch weiterhin weltweit überall auf seinen Namen stoßen.

Kein Name kommt auf der Weltkarte häufiger vor als der Name "Humboldt"; einige Beispiele:
-- Berge in Amerika: etwa der Pico Humboldt in Venezuela oder die Humboldtpeaks in Nevada oder Colorado
-- 13 Städte in den USA, eine Stadt in Argentinien, ein Fluss in Brasilien, eine Meeresbucht in Kolumbien, der größte Gletscher in Grönland, ein Nationalpark in Kuba
-- Gebirgszüge tragen seinen Namen in Nordchina, Südafrika, Neuseeland und der Antarktis.
-- Darüber hinaus gibt es unzählige Denkmäler, Parks und Straßen.

Fast 300 Pflanzen und mehr als 100 Tiere heißen wie er: z.B. die kalifornische Humboldt-Lilie oder der südamerikanische Humboldt-Pinguin.

Weltweit am bekanntesten ist aber wohl der Humboldt-Strom, der Meeresstrom, der kaltes Wasser aus der Antarktis an den Küsten Chiles und Perus nach Norden führt. Zwar war dieser Meeresstrom schon den einheimischen Fischern bekannt. Es kann also nicht die Rede davon sein, dass Humboldt diesen Strom entdeckt habe. "Allenfalls", so schrieb Humboldt an den Kartographen Heinrich Berghaus, "könne er für sich in Anspruch nehmen, als erster die Temperaturen und die Fließgeschwindigkeit dieses sonderbaren Stromes gemessen zu haben", der, wie man heute weiß, das Weltwetter erheblich beeinflussen kann.
Immerhin: damit hatte Humboldt ihn für die Wissenschaft entdeckt und diese Leistung schätzte Berghaus hoch genug ein, um 1837 die Benennung jener gewaltigen Meeresströmung nach Humboldt vorzuschlagen. Dabei blieb es bis heute. Der Versuch, ihn in Peru-Strom umzubenennen, scheiterte weitgehend.

Was ist das Besondere an Alexander von Humboldt, der als eines der letzten Universalgenies gilt und in Lateinamerika immer noch als zweiter Entdecker verehrt wird?

Er galt schon zu Lebzeiten als außergewöhnlich. Der französische Chemiker Berthollet, der Mitbegründer der chemischen Fachsprache z.B., nach dem Humboldt die damals in Europa noch unbekannte Paranuss Bertholletia excelsior benannte, nannte ihn einen Mann, der in sich eine ganze Akademie vereint.

Ohne jedes Zögern, ohne Gewissensbisse und Wehmut beendete Humboldt im Jahr 1796 seine vielversprechende Karriere im preußischen Staatsdienst, die ihm wahrscheinlich bald das Amt eines Staatsministers eingebracht hätte, nachdem er durch den Tod seiner Mutter ein beträchtliches Vermögen geerbt hatte.

Endlich konnte er die Träume verwirklichen, die er spätestens seit 1790 in sich trug, als er mit dem Naturforscher und Begründer der wissenschaftlichen Reiseliteratur Georg Forster, der an James Cooks 2. Weltumsegelung teilgenommen hatte, England und Frankreich bereiste und als er Captain Bligh den Kapitän der Bounty in London kennenlernte.
Die Kombination Reisen und Forschen stellte für ihn eine ideale Verbindung dar. Er will in die Tropen reisen und möglichst viele Aspekte der belebten und unbelebten Natur erforschen.

Er ist einerseits als wohlhabender Forschungsreisender und freier Wissenschaftler niemandem Rechenschaft schuldig, unabhängig in der Wahl seiner Reiseroute, seiner Begleiter und der Verkehrsmittel, musste sich aber gerade deshalb manch anderen Zwängen beugen, als ihm z.B. von der Britischen Ostindienkompanie hartnäckig verwehrt wurde, Indien und den Himalaya zu bereisen oder als er auf der Fahrt nach Mexiko nicht bei den Galápagos Inseln anlegen konnte, weil er als Passagier auf einem Handelsschiff reiste. Vielleicht hätte er schon vor Darwin die Evolutionstheorie entdeckt, wie er aufgrund des Küstenverlaufs und einiger geologischer Strukturen bereits damals die Vermutung äußerte, dass Amerika und Afrika einmal zusammengehängt haben müssen, lange vor Alfred Wegener und der Plattentektonik.

Um seinen eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, bereitete er sich umfassend auf die erhofften bevorstehenden Expeditionen vor.

Zunächst zog er von Franken aus im März 1797 nach Jena. Dort konnte er sich, angeleitet von Franz Xaver Zach, dem Direktor der Sternwarte Gotha, intensiv im Umgang mit geodätischen, geophysikalischen und astronomischen Messinstrumenten üben. Zach zeigte ihm unter anderem, wie man mit einem Spiegelsextanten astronomische Ortsbestimmungen durchführt, Grundvoraussetzung für seine vielen zukünftigen Kartierungen.

Mit einer großen Sammlung wissenschaftlicher Instrumente im Gepäck reiste Humboldt schließlich im April 1798 nach Paris, damals die Hauptstadt der Wissenschaften. Hier konnte er seine Expeditionsausrüstung weiter ergänzen und seine Messtechniken verfeinern, vor allem im Bereich der geomagnetischen Phänomene.

In Paris lernt er auch seinen späteren Reisebegleiter kennen: den Arzt und Botaniker Aimé Bonpland. Diverse Expeditionspläne der beiden scheitern wegen der Napoleonischen Kriege.
Sie beschließen in Spanien zu überwintern und haben Glück: Sie werden dem König empfohlen und erhalten Forscherpässe für die spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika, wie sie keine Ausländer vorher je erhalten hatten. Die Pässe sicherten ihnen volle Handlungsfreiheit und das Entgegenkommen aller Gouverneure und Beamten im gesamten spanischen Kolonialgebiet.
Humboldts diplomatisches Geschick, sein von der exzellenten Beherrschung des Spanischen unterstütztes Auftreten bei Hofe und sein bereits bestehender Ruf als Wissenschaftler und Bergbauexperte, den er sich vor allem in Franken erworben hatte, waren dafür entscheidend.

Diese privat finanzierte Expedition konnte sich für Spanien unter Umständen lohnen. Was sich nach Humboldts Beschreibungen der mexikanischen Silberminen, die später viele Investoren ins Land lockten, bewahrheiten sollte. Da war das spanische Kolonialreich in Mexiko allerdings schon Geschichte. Ich werde im Oktober darüber berichten.

Die fünfjährige Forschungsreise nach Amerika, zu der Humboldt und Bonpland 1799 aufbrachen, sollte ihren Weltruhm begründen. Die Zeit in Franken und die amerikanische Reise stehen deshalb im Mittelpunkt unserer Veranstaltungsreihe, weil sich in diesen Phasen von Humboldts Leben seine Forschungsansätze entwickelten, die er später lediglich präzisiert und ausgebaut hat.

"Ich werde Pflanzen und Tiere sammeln, die Wärme, die Elastizität, den magnetischen und elektrischen Gehalt der Atmosphäre untersuchen, sie zerlegen, geographische Längen und Breiten bestimmen, Berge messen - aber alles dies ist nicht Zweck meiner Reise. Mein eigentlicher, einziger Zweck ist, das Zusammen- und Ineinander-Weben aller Naturkräfte zu untersuchen", schrieb er in einem Brief kurz vor der Abreise nach Amerika. Ein Forschungsansatz, der unserem heutigen Verständnis der ökologischen Forschung bereits sehr nahe kommt.

Bereits den einwöchigen Zwischenaufenthalt auf Teneriffa im Juni 1799 nutzten Humboldt und Bonpland zu Aktivitäten, die sie dann in der Neuen Welt vielfach wiederholen sollten: Sie bestiegen den Pico del Teide, registrierten die Vegetationszonen und untersuchten den Krater des Vulkans.

Nach der anschließenden Fahrt über den Atlantik landeten sie am 16. Juli 1799 in Cumaná, im heutigen Venezuela. Dort erlebte Humboldt sein erstes Erdbeben, und er beobachtete in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1799 einen Meteorschauer der Leoniden - seine Beschreibung legte später den Grundstein für die Erkenntnis, dass solche Himmelsereignisse periodisch auftreten.

Ein nachhaltiger Eindruck ganz anderer Art war für Humboldt der Sklavenmarkt von Cumaná. Die grausame Behandlung der Sklaven entsetzte Humboldt dermaßen, dass er Zeit seines Lebens zu einem entschiedenen Gegner der Sklaverei wurde.

Humboldts amerikanische Forschungsreise lässt im Ganzen drei Phasen unterscheiden, die jeweils eingebettet waren in eher stationäre Phasen der Materialsichtung, -auswertung und -sicherung.

Die erste große Expedition führte im Februar 1800 von Caracas durch die Savannenlandschaft der Llanos. Auf dem Weg hatte Humboldt ein besonderes Erlebnis: Mittels einer Herde von 30 Pferden gelang es, einige Zitteraale aus dem Schlamm eines Tümpels zu fangen. Dabei ertranken 2 Pferde, die durch die elektrischen Schläge der Fische betäubt worden waren.

Humboldt, der auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens, bereits umfangreiche Studien mit Tausenden von Tierexperimenten1 zum Einfluss der Elektrizität, teilweise auch als Selbstversuch am eigenen Körper, durchgeführt hatte, die unter anderem den Verbrauch von Sauerstoff bei der Muskelbewegung und die Wirkung der Feuchtigkeit auf die elektrische Leitfähigkeit belegten, schrieb: "Ich erinnere mich nicht, je durch eine Entladung eine so furchtbare Erschütterung erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Füße auf einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen Gelenken."

Erst im Jahr 1842 gelang es Emil du Bois-Reymond und Carlo Matteucci die Bioelektrizität physikalisch nachzuweisen. Mit beiden Wissenschaftlern stand Humboldt in engem Kontakt und verfolgte diesen Zweig der Forschung bis zu seinem Lebensende weiter.

Humboldt hatte bereits in Cumaná auch Fische kennengelernt, die nur schwache Elektrizität besaßen. Über die neuesten Erkenntnisse von schwach elektrischen Fischen in tropischen Flüssen, die mit Hilfe dieser schwachen Elektrizität ein eigenes Kommunikationssystem besitzen, wird uns im April Prof. Kramer aus Regensburg berichten.

Über den Rio Apure und den Orinoko wollten die Reisenden zum Rio Negro, den längsten linken Nebenfluss des Amazonas vorstoßen.

Es konnte tatsächlich der Nachweis geführt werden, dass entgegen der damals verbreiteten Lehrmeinung in Europa, wonach 2 Flusssysteme immer durch eine Wasserscheide getrennt sein müssen, zwischen Orinoco und Amazonas eine natürliche Verbindung besteht. Am 20. Mai 1800 erreichten sie tatsächlich die Stelle, an der sich der Orinoco in zwei Arme gabelt, den Orinoko und den Rio Casiquiare, der in den Rio Negro mündet. Mit dieser Bestätigung der Gabelteilung oder Bifurkation des Orinoco sowie der Vermessung und Kartierung des gesamten Flusssystems, war das wichtigste Forschungsziel dieser Expedition erreicht. Eine Weiterreise etwa zum Amazonas war nicht möglich, weil die Portugiesen einen Haftbefehl für Humboldt erlassen hatten, sobald er die Grenze nach Brasilien überschreiten sollte.

Was Humboldt während dieser und der gesamten Amerikareise immer wieder bedrückte, war die z.T. unmenschliche Behandlung der Indios durch Missionare und weiße Siedler. Er ist davon überzeugt, dass prinzipiell alle Menschen gleichmäßig zur Vernunft begabt sind. Es gibt keine hohen und niedrigen Menschenrassen, nur Bildungs- und kulturelle Unterschiede: "Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt", das ist Humboldts Überzeugung.
Darüber wird Dr. Holl im nächsten Vortrag am 15. Februar referieren.

Die zweite Expedition führte von Cartagena im heutigen Kolumbien über Bogotá und Quito nach Lima, wobei mehrmals die Andenketten überquert werden mussten. Dabei konnte Humboldt die gesamte Abfolge der tropischen Vegetations- und Klimazonen studieren, Vulkane besteigen und Hinterlassenschaften der altamerikanischen Kulturen studieren. Es sollte die wissenschaftlich ergiebigste Phase in Humboldts Leben werden.

In Bogotá traf Humboldt einen der berühmtesten Botaniker der damaligen Zeit, José Celestino Mutis, mit dem er sich fachlich austauschen konnte, denn Humboldt und Bonpland hatten mehrere Tausend Pflanzen gesammelt und viele neue Arten entdeckt. Die mehr als 6.000 Aquarelle von Pflanzen, die Mutis mit seinen Mitarbeitern anfertigte, zählen zu den bedeutendsten Leistungen der botanischen Abbildungskunst. Humboldt widmete ihm den ersten Band seines Reisewerkes.

Zum Forschungsschwerpunkt wurde aber ein Gebiet im heutigen Ecuador, das Humboldt aufgrund ihrer Vielzahl und Anordnung "Allee der Vulkane" nannte. Humboldt vermutete eine Verbindung dieser Vulkane über eine riesige unterirdische Magmakammer, eine Vermutung, die erst durch den Nachweis des Untertauchens der ozeanischen Pazifikkruste unter die kontinentale Platte im Rahmen der Plattentektonik vor ca. 50 Jahren verifiziert werden konnte.

Trotz der Unzulänglichkeiten von Schuhwerk, Bekleidung und Ausrüstung, sie hatten nicht einmal Handschuhe, bestiegen oder versuchten Humboldt und seine Begleiter im Frühjahr 1802 mehrere dieser Vulkane zu besteigen:
den Pichincha gleich zweimal. "Nichts hat in mir jemals einen tieferen und zugleich so verstörenden Eindruck hinterlassen", schrieb Humboldt später. Er meinte den Blick in den Krater. Als sich wenige Tage später ein Erdbeben im Bereich des Pichincha ereignete, unterstellten ihm die Indios, er habe ein magisches Pulver in den Krater geschüttet.
Dann den Antisana, den Cotopaxi, der Cotopaxi brach im Januar 1803 aus, als Humboldt auf dem Weg nach Mexiko war, für Humboldt ein weiterer Hinweis für einen gemeinsamen unterirdischen Magmaherd und den Chimborazo, der damals als höchster Berg der Erde galt.

Mehr als alle seine wissenschaftlichen Leistungen erfüllte es Humboldt mit Stolz den Chimborazo fast bis zum Gipfel bestiegen zu haben. Als man später herausfand, dass die Berge des Himalaya höher sind, konnte er seine Enttäuschung nicht verbergen, zumal ihm ja verwehrt worden war, den Himalaya zu bereisen.

Immerhin gelangten Humboldt und seine Begleiter bis in die unglaubliche Höhe von ca. 5.600 m, der Höhenweltrekord für Bergsteiger bis 1848, als während des amerikanisch-mexikanischen Krieges zwei US-Soldaten den 5.700 m hohen Pico de Orizaba in Mexiko bestiegen. Humboldt selbst glaubte eine Höhe von 5.915 m erreicht zu haben. Die Rekonstruktion von Humboldts Aufstieg in den 1990iger Jahren durch Reinhold Messner ergab jedoch die besagten 5.600 m. Der Unterschied liegt in der Ungenauigkeit von Humboldts barometrischem Höhenmesser.

Die Besteigung der Vulkane - es kamen in Mexiko noch weitere hinzu sowie später mehrmals der Vesuv - waren für Humboldt jedoch weder Selbstzweck noch ausschließlich Abenteuerlust. Es ging ihm vor allem um die Gesteine und die Krater und damit um den Nachweis, dass Vulkangestein, z.B. Basalt, als Magma aus dem Erdinneren an die Erdoberfläche gelangt und nicht, wie seinerzeit von führenden Geologen in Europa behauptet, durch Erdbrände z.B. von Kohlevorkommen entsteht.

Darüber hinaus ging es Humboldt um die Vervollständigung der Klima- und Vegetationsstufen der Tropen bis zur Schneegrenze, um die Veränderung der physikalischen und chemischen Charakteristika der Atmosphäre und um Messungen des Erdmagnetismus.

Kaum zurück vom Chimborazo fertigte Humboldt eine Skizze an, die eine radikal neue Sicht auf die Natur bot und eine neue wissenschaftliche Disziplin hervorbrachte, die Pflanzengeographie. Er zeichnete einen idealisierten Berg und notierte genau, auf welcher Höhe er welche Pflanzen gefunden hatte. In Spalten links und rechts der Skizze wurden Daten zu Feuchtigkeit, Temperatur und Luftdruck eingetragen. Aber auch die dort beobachteten Tiere und den Einfluss des Menschen durch die Landwirtschaft dokumentierte er.
So lässt sich aus seinem "Naturgemälde der Tropenländer" ablesen, wie Höhe, Witterung und Pflanzenwelt zusammenhängen. Dass dies nicht nur für die Anden gilt, sondern global, hat er später mit dem bereits erwähnten Kartographen Berghaus herausgearbeitet und seine hier und später gesammelten Klimadaten mündeten in die erste Isothermenkarte und die Einteilung der Erde in Klimazonen. Wir werden diese Thematiken in 2 Vorträgen, Prof. Endlicher im März über die Klimazonen Südamerikas und Prof. Richter im November über die Vielfalt Ecuadors, weiter vertiefen.

Anzumerken wäre noch, dass sich die Schneegrenze am Chimborazo seit Humboldts Tagen mittlerweile um ca. 500m nach oben verschoben hat, Ausdruck des Klimawandels.

Auf dem Weg nach Lima untersuchte und zeichnete Humboldt Ruinen der Inkakultur und an der Pazifikküste der noch älteren Chan-Chan-Kultur und begründete damit die Wissenschaftsdisziplin der Altamerikanistik. Humboldt kannte die Scharrbilder der Nasca-Kultur in Peru noch nicht. Diese wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt und von Erich von Däniken mit Außerirdischen in Verbindung gebracht. Sie wären aber, da bin ich mir sicher, für Humboldt ebenso faszinierend gewesen, wie für uns heute. Wir haben deshalb den Vortrag von Prof. Reindel Anfang November ins Programm genommen, weil das heutige Verständnis der Nasca-Kultur eng mit der von Humboldt begründeten Klima- und Landschaftsgeschichte der Anden verbunden ist.

Der 3. Abschnitt der Amerikareise führte Humboldt nach Mexiko, wo er fast ein ganzes Jahr blieb. Hier galt sein besonderes Interesse ebenfalls dem Vulkanismus, den Bergwerken, den altmexikanischen Kulturen und der Vermessung und kartographischen Erfassung des Landes. Das Mexiko-Werk Alexander von Humboldts gilt als die erste umfassende wissenschaftlich-geographische Länderkunde. Ich werde im Oktober darüber berichten.

Nach der Rückkehr aus Amerika am 3. August 1804 hielt sich Humboldt vor allem in Paris auf. Hier konnte er täglich mit seinen Wissenschaftskollegen kommunizieren und experimentieren. Auch sein 29-bändiges Reisewerk publizierte er hier. Es ruinierte nicht nur einige Pariser Verleger, sondern verschlang auch den Rest seines Vermögens. Als "arm wie eine Kirchenmaus" bezeichnete er sich im Jahr 1822. Dies war der Grund, weshalb er schließlich 1827 sein geliebtes Paris endgültig verlassen musste. In Berlin erwartete ihn eine bezahlte Stellung als Kammerherr des preußischen Königs und als Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften.

Seinen 60. Geburtstag 1829 verbrachte Humboldt in Russland. Es ist seine zweite große Expedition, dieses Mal auf Einladung und Kosten der russischen Regierung. Diese erhoffte sich davon Informationen über gewinnbringende Minenvorkommen. Die bergmännische Untersuchung der Gold- und Platinlagerstätten im Ural und die Entdeckung von Diamanten, die ersten außerhalb der Wendekreise, sowie magnetische Beobachtungen und geologische und botanische Sammlungen waren die Hauptzwecke dieser 9 monatigen, ca. 17.000 km langen Reise, bei der 12.244 Postpferde zum Einsatz kamen.

Was bleibt von Humboldts Wirken, welche Bedeutung hat er für Europa und Lateinamerika? Darüber wird Dr. Holl am Ende unserer Veranstaltungsreihe im Dezember referieren.

Humboldt selbst verstand seine Rolle als Forscher als die eines verantwortungsvollen, politisch denkenden und handelnden Menschen.

Auch in seinen primär wissenschaftlichen Texten verteidigte er die Menschenrechte, klagte Rassismus und Sklaverei an und plädierte für die rechtliche Gleichstellung aller Bürger. Dies hatte durchaus Auswirkungen auf die Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika. Sein Werk ist kaum zu überschauen: 47 Bände umfassen allein seine Buchpublikationen, darunter das 29-bändige Werk über die Reise in die amerikanischen Tropen. Es ist mit seinen 1.400 Kupferstichen die umfangreichste und teuerste Arbeit eines privaten Forschungsreisenden, die jemals publiziert wurde. Dazu kommen mehr als 450 unselbständig erschienene Schriften, also Aufsätze und kleinere Abhandlungen und etwa 30 bis 50.000 Briefe, von denen mehr als 13.000 im Original erhalten sind.

Für sein gigantisches Werk "Kosmos", dessen 5. Band erst posthum erschien, wertete er die unglaubliche Zahl von 9.000 Arbeiten anderer Autoren aus. Er hat damit bereits vor mehr als 200 Jahren die transdisziplinäre Forschung und das Arbeiten in Netzwerken meisterhaft beherrscht.

Als im Jahr 1847 der zweite Band von Humboldts "Kosmos" erschien, lieferten sich die Käufer "wirkliche Schlachten" um das Buch, wie sein Verleger Cotta bemerkte.

Humboldt selbst sah sich sehr selbstkritisch. Bereits während seiner fränkischen Jahre zeichnete sich ab, dass er sich wissenschaftliche Ziele gesetzt hatte, die er letztendlich nicht erreichen konnte: nämlich die Natur im Ganzen und im Detail zu erfassen und zu beschreiben. Er ging dabei immer wieder an seine Grenzen: in schmerzhaften Selbstversuchen ebenso wie bei der Besteigung von Vulkanen, aber auch in vielen Publikationsprojekten, die er nicht vollenden konnte, weil sie, wie sein Werk über die amerikanische Reise oder sein Kosmos letztendlich nicht vollendbar waren.

Humboldt war sich dessen bewusst. Er sah sein Lebenswerk nie als etwas Endgültiges an, sondern als eine Stufe bzw. Anregung zu weiteren, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Gegenüber seinem Verleger Johann Georg von Cotta äußerte er sich gegen Ende seines Lebens über seine, seiner Ansicht nach wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge: "Der wichtigen und eigentümlichen Arbeiten von mir gibt es nur drei, die Geographie der Pflanzen und das damit verbundene Naturgemälde der Tropenwelt, die Theorie der isothermen Linien und die Beobachtungen über den Erdmagnetismus, welche die über den ganzen Planeten auf meine Veranlassung verbreiteten magnetischen Stationen zur Folge gehabt haben." Humboldts lebenslanges Interesse am Erdmagnetismus geht auf das Jahr 1796 zurück, als er bei Zell nahe Gefrees in Franken den "Magnetberg" entdeckte. Wir werden am 25. Mai, im Rahmen unserer Exkursion auf den Spuren Alexander von Humboldts in Goldkronach und Umgebung, auch diesen Magnetberg besuchen. Und so schließt sich der Kreis und der Versuch, Humboldts Leben und Wirken im Zeitraffer zu erfassen und unsere Veranstaltungsreihe zu erklären, und wir beginnen jetzt sozusagen wieder von vorne, wieder mit seinen Jugendjahren und seiner Zeit in Franken.